Antisemitismus und völkische Traditionspflege im „Punk“

Die derbsten Geschichten schreibt nur das Leben selbst; und so auch diese. Ereignet hat sie sich 2002 im süddeutschen Freiburg (im Breisgau): Auf einem Konzert einer international bekannten „Punk“-Band, welche in einem linken Zentrum spielt, verbrennt der Sänger auf der Bühne plötzlich eine Fahne des Staates Israel. Dies kann eigentlich in vielerlei Ohr nur als antisemitische Aggression gelten und, aus einem progressiv-emanzipatorischen Standpunkt heraus, nur einen gigantischen Eklat zur Folge haben. Zwar gab es in Freiburg Kritik an diesem Verhalten der Band, jedoch reichen die Wellen dieser nicht aus, um weiteren Orts Konzerte zu verhindern, oder den Gegenstand wenigstens differenziert und kritisch zu betrachten. Und so auch wird im Jahr 2009 der Band in vielen (meist sich selbst bezeichnenden) linken, autonomen Zentren und Häusern zu weiteren Auftritten verholfen und eine Möglichkeit zur Projektionsfläche geboten.

Am 25. Oktober 2009 soll nun also die schottische „Punk“-Band „Oi Polloi“, von der hier die Rede ist, in der Bremer „Friese“ auftreten. Dieser Band und ihrem Auftritt, so fordern wir, ist sich in aller Drastik entgegenzustellen.

Könnte die Band das Verbrennen einer Israel-Fahne auf einer Bühne noch so argumentativ gut (v)erklären, richtiger würde es trotz allem nicht. Denn die schwerwiegenden Komplikationen des Tun und Handelns, die „Oi Polloi“ zu Tage bringen, rühren wesentlich profunder, um es indes am Verbrennen einer Israel-Fahne dingfest machen zu können. Das allein zeigt sich bereits bei der Namensgebung: „Oi Polloi“ lässt sich auf deutsch in „Das gemeine Volk“ übersetzen; und derart gebärt die Band sich. So tourt „Das gemeine Volk“ in bester Robin Hood-Manier gegen die Ungerechtigkeiten an den Armen, Unterdrückten, Heimatlosen und Einheimischen durch die Welt. Textlich und auch sonst wird somit baldig klar, wohin die Band steuert: Es geht um Mutter Natur und die liebe Umwelt; um Herkunfts- und Brauchtumspflege, die permanent von der „Profitgier“ derer da oben oder „reichen Ausländern“ bedroht werde. Getreu dem erdverbundenen Motto „Umweltschutz ist Heimatschutz“ bestellt „Oi Polloi“ ihre Äcker in good old Scotland. Denn das, was scheinbar zu verschwinden droht, nämlich Anstand, Sitte und Moral einer Gemeinschaft (hier die antike Volksgemeinschaft der Kelten), wofür es sich, dem Sänger der Band nach zu urteilen, lohnt zu kämpfen, dessen Werten wird sich verschrieben. Anschaulich gemacht hat er diese in dem Zine „Plastic Bomb“ (27/1999). Allen zeigte sich amüsiert über die Verschworenheit einer „einheimischen“ Inselbevölkerung gegenüber dem ausländischen Besitzer der Insel, dem mehrere Autos abgefackelt wurden und niemand etwas gesehen habe; wobei doch normalerweise in so einer Gemeinschaft immer alle über alles Bescheid wüssten. Solche Ansichten lassen sich beispielsweise auch in dem Lied „Hunt the Rich“ festmachen, wo Mensch sich der „reichen Bastarde“ doch am besten entledigen solle.

Doch auch weitere Stereotype finden im „Oi Polloischen“ Gedankengut Platz: Verkürzte Kapitalismuskritik, die sich darauf beschränkt das eigene Geld nicht den „Bänkern“ von einzelnen Firmen in den Rachen zu werfen (vgl. „Deathcafe“) offenbart völkische Traditionslinien vom raffenden und schaffendem Kapital. Auch zur besten Totalitarismusmanier hat die Band etwas beizutragen, wie im Song „Commies and Nazis“: Hier wird der real existierende Sozialismus mit der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie gleichgesetzt und ebenso geheime Machtmechanismen in der Welt herbei halluziniert. Aber auch andernorts präsentieren sich „Oi Polloi“ zutiefst antiemazipatorisch und Verschwörungstendenzen nahe stehend. Betrachtet Mensch ihr Profil bei MySpace, fällt auf, dass unter den 32 sogenannten „Top Friends“ (von insgesamt über 13.000 Freund_innen) sich zwei Profile befinden, die die Ansicht vertreten, dass die Anschläge vom 11.09.2001 von der US-amerikanischen Regierung selbst inszeniert wurden.

Auch bei der Zusammenarbeit mit der israelischen Band „Nikmat Olalim“, die die aktuelle Lage in Israel mit der Reichspogromnacht, den Konzentrations- und Vernichtungslagern oder dem Vorgehen mit der SS vergleichen (vgl. „Ethnic Cleansing“) haben „Oi Polloi“ kein Problem. Generell wird Israel von Deek Allen als der Aggressor schlechthin im Nahen Osten bezeichnet (vgl. „Kink Records“-Interview vom 04.01.2004), wobei besonders darauf geachtet wird was Israel alles falsch macht, oder wen tötet (Journalist_innen, Krankenwagenpersonal, UN-Mitarbeiter_innen, Frauen, Kinder). Welche anderen Staaten sich ebenfalls inadäquat verhalten bleibt im Dunkeln, bezogen wird sich lediglich auf den „unrechtmäßigen“ israelischen Staat. Den Boykott israelischer Produkte (ebd.) hält die „Punk“-Band für ein passendes Mittel, um die israelischen Siedlungen auf palästinensischem, „einheimischen“ Boden zu stoppen. Das dies der Propaganda des NS („Kauft nicht beim Juden“) ähnelt, daran stört sich kaum jemand. Wenn überhaupt neben den ganzen israelischen Ungerechtigkeiten über fanatische Selbstmordattentate gesprochen wird, läuft es darauf hinaus, diese nicht gut zu finden, da sie „blutgierigen“ Politiker_innen wie Ariel Sharon, der nebenbei bemerkt Phantasien von „Großisrael“ hege, in die Hände spiele (ebd.). Auch sind solche Attentate lediglich Resultate aus der israelischen Okkupation, die ergo auch nur von Israel selbst verhindert werden können; durch welches Verhalten gibt Allen trauriger weise nicht preis. Auch mit dem Argument gar nicht antisemtisch sein zu können, da Mensch ja jüdische und israelische Freund_innen habe, lässt sich aus emanzipatorischer Sicht nicht punkten, das weiß Mensch bereits nach dem Leerverbauch dieses Arguments durch allerlei völkische Traditionalist_innen. Sowohl die Texte, als auch das Verhalten und Auftreten dieser Band strotzt nur so von verkürzter Kapitalismuskritik, antisemitischen Stereotypen, Traditionslinien und allerlei Relativismus, was aus einem aufgeklärten Standpunkt heraus nicht zu tolerieren ist!

Sollte nun durch diese (oder andere) Informationen auch jetzt noch kein Problem darin gesehen werden, dass ein Auftritt von „Oi Polloi“ in der „Friese“ angesetzt ist, hat sich nicht nur regressive Kritikfeindlichkeit an dieser Stelle durchgesetzt, sondern vielmehr ein vermeintlich aufgeklärtes und fortschrittliches Projekt versagt respektive sich selbst entlarvt.

idiots.are.winning, Oktober 2009